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  • Bernd Krehoff

Wege aus der Warteschleife


Viel wird derzeit diskutiert über die deutsche Impfstrategie. Reinhard Bingener und Matthias Wyssuwa haben sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Impfverordnung genauer angesehen:


In der Impfverordnung werden mehr als achtzig Millionen Einwohner anhand von Kriterien wie Alter, Vorerkrankungen und Beruf in vier Töpfe aufgeteilt. Derzeit werden immer noch Bürger aus der Prioritätsstufe 1 geimpft, in der sich die über Achtzigjährigen befinden. Schwieriger wird es in den Stufen 2 und 3. Dann wird nicht nur nach Alter (Stufe 2 ab 70 Jahre; Stufe 3 ab 60 Jahre) und Beruf priorisiert, sondern auch nach Vorerkrankungen. Wer Diabetes mit einem HbA1c-Wert von mehr als 58 mmol/mol hat, zählt zu Gruppe 2; wer unter 58 mmol/mol liegt, zählt zu Gruppe 3. Wer einen Body-Mass-Index über 30 aufweist, zählt auch dazu. Wer einen BMI über 40 hat, gehört in Gruppe 2. Es wird also vertrackt.

Das Vertrackte dabei sind gar nicht die Regeln selber. Diese sind ja nicht willkürlich aus der Luft gegriffen, sondern beruhen auf nachvollziehbaren Kriterien mit dem Ziel, die Menschen mit den höchsten Risiken zuerst zu impfen.


Vertrackt ist vielmehr die Vorstellung, wie diese Vorgaben umzusetzen sind: Will ich die chronisch überlastete Hotline umgehen, kann ich eine Terminbuchung für eine Impfung online versuchen, nachdem ich mein Bundesland und mein regionales Impfzentrum ausgewählt habe. Zusätzlich benötige ich einen „Vermittlungscode“ (jeweils für die erste oder zweite Impfung). Diesen bekomme ich dann, wenn ich einen „geprüften Anspruch“ habe. Habe ich diesen noch nicht, kann ich die Option „Anspruch prüfen“ auswählen. Doch dann erscheint folgende Meldung:


„Es wurden keine freien Termine in Ihrer Region gefunden. Bitte probieren Sie es später erneut.“


Ich versuche, mich in die Haut eines 80-Jährigen zu versetzen, der auf diesem Weg versucht, an ein Termin zu kommen. Ganz schön entmutigend und kompliziert!


Deutschland hat schon bei der Verteilung von Schutzmasken gezeigt, wie genau es die Prüfung von Ansprüchen nimmt: Die Bundesdruckerei stellte 34 Millionen fälschungssichere Scheine aus, die dann per Post an Haushalte verteilt wurden, damit besonders gefährdete Menschen in den Apotheken an FFP2-Masken kamen.


Solche Prüfverfahren sind auf Sicherheit ausgerichtet. Sie sollen über eine zentrale Bürokratie sicherstellen, dass die tatsächlich Berechtigten bei der Verteilung bevorzugt werden. Missbrauch und Ungleichbehandlung sollen vermieden werden.


In der aktuellen Situation ist jedoch wenig sicher: Nicht jeder Impfstoff ist für jede Altersgruppe geeignet. Die Liefermengen sind weiterhin nicht exakt vorhersehbar. Und während die Impfzentren aktuell noch weit unter ihren Kapazitäten operieren, ist für den Frühling von einer Überlast auszugehen. In einer solchen Situation, die von hoher Volatilität geprägt ist, bedeutet der Einbau von Sicherheitsschleifen ein weiteres Hindernis bei der Zielerreichung.


Eine radikale Vereinfachung des Verteilungsprozesses könnte darin bestehen, auf den zentralen Vergabemechanismus komplett zu verzichten. Vorbei wären dann die telefonischen Warteschleifen, vorbei die Vergabe von Berechtigungscodes, vorbei die Fixierung auf Plattformen. Warum nicht die Priorisierung und Impfung auf die in Deutschland vorhandenen, im Artikel ewähnten 100.000 Arztpraxen verteilen (von den etwa 20.000 Apotheken ganz zu schweigen)?


Fazit


Wo Knappheit herrscht und Flaschenhälse entstehen, liegt es nahe, sich auf Mechanismen zur gerechten Verteilung der Knappheit zu fixieren. Das aber kann die Situation noch weiter verschlimmern, indem die Vertracktheit des Verfahrens zur ohnehin vorhandenen Vertracktheit der Situation hinzukommt.


Die Dezentralisierung der Nachfrage durch Verteilung auf viele kleine Abnehmer (Arztpraxen und Apotheken) verringert zwar die Sicherheit, dass die Priorisierungskriterien in allen Fällen akribisch geprüft und angewendet werden, doch sie könnte die bessere Lösung sein in diesem Wettlauf gegen die Zeit.

Deutschland ist auf Massenimpfungen nicht vorbereitet. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 21.02.2021


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